Vereinschronik

zusammengetragen von Dr.-Ing. Rudolf Bücken

Ein runder Geburtstag, wie ihn der ASV 1856 im Jahre 2006 erlebt, ist nicht nur ein Anlass zum Feiern, er gibt auch den Anstoß für einen Rückblick in Gestalt einer ordentlichen Chronik; ordentlich insofern, als sie die Vita des Geburtstagskindes möglichst vollständig und wahrheitsgetreu nachzeichnet.

Abgesehen davon, dass ein solches Unterfangen Gefahr läuft, langatmig zu geraten, müssen wir gestehen, dass uns die Quellen fehlen, die eine exakte Chronik voraussetzt.

Deshalb versuchen wir, aus der Not der mangelnden Vollständigkeit die Tugend der Kurzweil zu machen. Zu berichten gibt es genug. Im Vordergrund stehen sollen die Mitglieder, die den Verein als Schachspieler, aber auch als Organisatoren und Förderer geprägt haben.

Die Gründung

Die älteste uns bekannte Quelle, die Aachen mit dem Schachspiel in Verbindung bringt, ist ein Bericht des berühmten französischen Schachmeisters Philidor, der um das Jahr 1750 in Aachen zur Kur weilte. Philidor, dem auch als Komponist ein guter Ruf vorausging, beklagt darin, dass er in Aachen keinen Schachpartner finden konnte und er sich notgedrungen mit seinen auch heute noch viel beachteten Schachstudien – Turmendspiele ! – die Zeit vertreiben musste. Das Schachspiel hatte im Jahrhundert der Aufklärung in den deutschen Landen noch keine nennenswerte Anhängerschaft gefunden, während es sich zum Beispiel in Italien, Spanien oder auch Frankreich schon seit dem späten Mittelalter großer Beliebtheit erfreute; dort zählten Kenntnisse im Schachspiel zu den Merkmalen eines gebildeten Menschen.

Erst ca. 100 Jahre später fand das Schachspiel breiten Eingang auch in die deutsche bürgerliche Gesellschaft, wovon nicht zuletzt die seit 1846 regelmäßig erscheinende „Deutsche Schachzeitung“ Zeugnis liefert. Eingedrungen war der Bazillus Schach auch in die ehrbare Aachener Erholungsgesellschaft, in der sich nach dem Vorbild englischer Herrenclubs Mitglieder der hiesigen „High Society“ – Fabrikanten, Freiberufler, Geschäftsleute, Beamte, Offiziere – zusammengeschlossen hatten, um nach des Tages Last und Müh und vor dem abendlichen heimischen Weh und Ach ein paar Stunden der Muße zu genießen.

Hier wurde jedenfalls eifrig Schach gespielt. Vielleicht zuviel Schach gespielt, so dass zum Missfallen der Cluboberen andere Aktivitäten in den Hintergrund gerieten? Oder auch zu wenig Schach gespielt, so daß es die passionierten Freunde des königlichen Spiels zu einem Zusammenschluss drängte, in dem das Schachspiel allein im Mittelpunkt stand? Wie dem auch sei, im Jahre 1856 gründeten 14 Mitglieder der Erholungsgesellschaft den „Aachener Schachverein 1856“. Zum 1. Vorsitzenden wählten die 14 Gründungsmitglieder den preussischen Major von Hannaken.

Die Schachtreffs veranstalteten sie in einer angesehenen Gaststätte, was die Vermutung zulässt, dass die Abspaltung von der Erholungsgesellschaft, die über eigene prächtige Räumlichkeiten verfügte, nicht unbedingt reibungslos verlief. Vielleicht gab es unter den Gründern aber auch Männer, die der Erholungsgesellschaft nicht genehm waren.

Jedenfalls war damit die erste organisierte Gemeinschaft von Schachfreunden in Aachen entstanden. In nur wenigen deutschen Städten gab es vergleichbare Vereine.

Die ersten Jahrzehnte

Bis in die 2oer Jahre des vorigen Jahrhunderts blieb der ASV der einzige Schachverein im Aachener Raum. Es war zwar zweimal – um 1890 und um 1910 – in Aachen zu Neugründungen von Schachclubs gekommen; beide Vereine überlebten jedoch nur wenige Jahre. Es gab also keine lokale Konkurrenz und angesichts der damaligen Verkehrsverbindungen war der Weg zu Vereinen in benachbarten Städten – Köln, Krefeld, Düsseldorf, Barmen – zu weit, als dass man regelmäßig mit den dort ansässigen Vereinen die Schachklingen hätte kreuzen können.

So blieb der „Schachbetrieb“ weitgehend auf den eigenen Verein begrenzt, allerdings in sehr intensiver Form. Nicht etwa, dass man einmal wöchentlich einen Schachabend veranstaltet hätte, man traf sich vielmehr tagtäglich in einer gutbürgerlichen Gaststätte, wo man in lockerer Form “Kaffeehauspartien“ zelebrierte und Neuigkeiten aus der Schachwelt austauschte. Man liegt wohl nicht falsch mit der Vermutung, dass diese Form des Schachlebens sich nur diejenigen leisten konnten, die nicht nur über genügend Zeit, sondern auch über genügend Geld verfügten; denn auch die Gastronomen jener Zeit waren auf Umsatz angewiesen. So rekrutierten sich die Mitglieder vornehmlich aus betuchteren Kreisen, in denen es zur damaligen Zeit durchaus üblich war, dass die Herren der Schöpfung fast täglich einige Stunden in einem nur Männern zugänglichen Club verbrachten.

Eine einsame Schachinsel war der Verein allerdings nicht. Im Jahre 1877 beteiligte er sich maßgeblich an der Gründung des „Deutschen Schachbundes“ und als 1901 der „Niederrheinische Schachverband“ aus der Taufe gehoben wurde, gehörte der ASV ebenfalls zu den Gründungsmitgliedern.

Im Jahre 1868 fand in Aachen der „7. Westdeutsche Schachkongress“ statt, über den in der Festschrift zum 75–jährigen Bestehen des „Aachener Schachverbandes“ ausführlich berichtet wird. Im Rahmen dieser Veranstaltung wurden mehrere Turniere ausgetragen, darunter auch ein Einladungsturnier, das man „Turnier der fremden Meister“ nannte und an dem bekannte Schachmeister wie Adolf Anderssen, Dr. Max Lange, die Gebrüder Paulsen, E. Schalopp und J.H. Zuckertort teilnahmen. Der Kongress war aber nicht nur ein Funktionärstreffen, garniert mit den zeitgenössischen Schachgrößen, sondern auch ein gesellschaftliches Ereignis, an dem nicht nur die engere Schachgemeinde Anteil nahm. Vorsitzender des Vereins war in dieser Zeit der Aachener Tuchfabrikant Eduard Scheibler.

Über besondere Erfolge Aachener Schachspieler in der Frühzeit des Vereins ist uns nichts bekannt. Ebenso wenig wissen wir über Ergebnisse von Wettkämpfen mit anderen Vereinen, die zumindest gelegentlich nicht um Meisterehren, sondern als Freundschaftsbegegnungen ausgetragen wurden. Das Schachspiel jener Tage war nicht nur Wettkampf, sondern auch ein in der bürgerlichen Gesellschaft verbreiteter angesehener Zeitvertreib.

Zwischen den Weltkriegen

Die Jahrzehnte um die Wende zum 20. Jahrhundert waren die Gründerzeit zahlreicher Sportvereine, die sich unter anderem dem Fußball, Handball, Schwimmen, Radsport oder der Leichtathletik verschrieben. Hintergrund dieser Entwicklung war die fortschreitende Industrialisierung, die den Menschen zwar einen harten Arbeitstag aufbürdete, ihnen aber auch täglich und insbesondere am Wochenende einige Stunden geregelter Freizeit bescherte, in denen sie sich ihrem Hobby zuwenden konnten.

Von dieser Freizeitbewegung wurde auch das Schachspiel erfasst, allerdings erst ab ca. 1920. Die Gründungswelle begann mit dem „Eschweiler Schachclub 1921“ und brachte etwa 30 Schachvereine im Aachener Raum hervor. Sie speiste sich aus drei Quellen: aus dem katholischen Jungmännerverband (DJK), dem Arbeiter-Sportbund und aus Vereinen ohne Bindung an eine übergeordnete Organisation.

Mit der Gründung des Aachener Schachverbandes (ASVb) im Jahre 1928 wurde dann die Voraussetzung geschaffen, geregelte Einzel- und Mannschaftsmeisterschaften im Aachener Raum durchzuführen, an denen allerdings zunächst nicht alle Schachvereine teilnahmen; denn sowohl die DJK–Vereine als auch die dem Arbeiter – Sportbund angehörigen Vereine kochten ihr eigenes Süppchen.

In der Stadt Aachen entstanden neben mehreren DJK-Gruppen der „Schachklub Aachen–Burtscheid“ (1923) und die „Aachener Schachgesellschaft“ (1930). Der ASV 1856 hatte also Konkurrenz bekommen, nachdem er fast 7 Jahrzehnte lang einziger, wenn auch recht exklusiver Anlaufpunkt für die Freunde des Schachspiels in Aachen gewesen war. Er wurde herausgefordert, seine Schachkräfte mit anderen zu messen. Er tat dies sehr erfolgreich, wie aus den zwar spärlichen, aber eindeutigen Berichten aus den 20er und 30er Jahren zu entnehmen ist. Vorsitzender des Vereins war zu dieser Zeit Baumeister Otto Brech, dem auch als Schachspieler ein guter Ruf vorausging. Die bekannteste Aachener Schachgröße in den 30er und 40er Jahren und auch noch in den ersten Nachkriegsjahren war Dr. Staudte, der im besonderen durch seine Endspielstudien bekannt wurde und der 1950 einen bemerkenswerten 3. Platz bei den Deutschen Einzelmeisterschaften belegte. Als starke Schachspieler dieser Epoche sind die ASV–Mitglieder Hilden, Vopel, Schwerte, Donner, Timmermann, Dericum, Hoffschneider, Stassen, Rosskopf und Wiertz in guter Erinnerung geblieben.

Besonderer Beliebtheit erfreuten sich in diesen Jahrzehnten Simultanveranstaltungen mit bekannten Meistern. Nachdem bereits 1909 Jacques Mieses und 1911 Frank Marshall ihre Visitenkarte in Aachen abgegeben hatten, traten 1924 erneut J. Mieses und 1925 neben Rudolf Spielmann und Richard Reti sogar der damalige Weltmeister Dr. Emanuel Lasker in Aachen jeweils gegen 20 bis 30 Gegner gleichzeitig an, deren überwiegende Mehrzahl chancenlos blieb. 1932 gastierte Efim Bogoljubov zu simultanem Spiel in Aachen.

Mit den Nationalsozialisten, die sowohl die DJK–Vereine als auch den Arbeiter – Sportbund auflösten, hatte der Verein offensichtlich keine Schwierigkeiten. Ohne deren Duldung, wenn nicht Förderung, hätten drei Großveranstaltungen unter der Regie des ASV 1856 wohl kaum über die Bühne gehen können. Im Jahr 1933 fand in den Räumen des Neuen Kurhauses das „Nationale Deutsche Schachmeister-Turnier“ statt, aus dem Bogoljubov und Kurt Richter als gemeinsame Sieger hervorgingen. 1934 wurde die Deutsche Schachmeisterschaft in Aachen ausgetragen, in deren Rahmenprogramm eine Schachpartie mit lebenden Figuren auf dem Katschhof gespielt wurde. Und 1935 war der Verein Ausrichter des 31. Deutschen Schachkongresses und der Deutschen Schachmeisterschaft, die Kurt Richter gewann. Auch über diese Veranstaltungen wird in der Chronik des Aachener Schachverbandes ausführlich berichtet.

Die Nachkriegsjahrzehnte

Schon kurze Zeit nach Kriegsende sind im Jahre 1946 wieder erste Aktivitäten im Aachener Schachleben zu verzeichnen. Es kam allmählich wieder zu geregelten Einzel- und Mannschaftsmeisterschaften, zunächst jedoch nur auf lokaler Ebene. Der ASV 1856 gehörte zu den Vereinen, die Nationalsozialismus und Krieg überlebt hatten. Bezeichnenderweise hatte er sein „Vereinslokal“ in den Luftschutzbunker Römerstraße verlegt, wo – einer alten Gewohnheit folgend – täglich Schachtreffs stattfanden. Zu den Männern dieser Stunde Null gehörte neben Dr. Staudte der Aachener Fabrikant Wilhelm Krantz, dem der Verein ebenso wie seiner Ehefrau für manche großzügige Zuwendung zu Dank verpflichtet ist. In Erinnerung geblieben sind auch Hubert Hilden, Albert und Hubert Timmermann, Josef Quernheim, Mathias Hambach, Heinz Klinkenberg, Heinrich Gilessen, Peter Steinhart und Othmar Keller, der in den 60er Jahren über längere Zeit 1. Vorsitzender war.

Bereits 1949 stieg die 1. Mannschaft des ASV in die Niederrheinklasse auf, d.h. in die höchste deutsche Spielklasse. Es war der Beginn einer Epoche von fast 30 Jahren, in welcher der ASV mit Ausnahme von drei Spielzeiten ständig der jeweils höchsten deutschen Schachliga angehörte.

Herausragender Spieler in den 50er und 60 er Jahren war Hans Besser, der zu den bekanntesten Schachgrößen in Deutschland gehörte; er lieferte sich 1967 mit dem damals noch jugendlichen Robert Hübner einen Stichkampf um die Deutsche Einzelmeisterschaft, der nach etlichen Remispartien zu keiner Entscheidung fand. Besonderer Erwähnung wert sind auch Harald Lieb, ein starker Berliner Meister, der seine Studienzeit in Aachen verbrachte, und Alex Vinken aus dem benachbarten Kerkrade, der über viele Jahre dem ASV verbunden war und der als „Erfinder“ und Namengeber einer Variante der Sizilianischen Eröffnung in die Schachliteratur eingegangen ist. Dieses Trio bildete zusammen mit Cornel Kinzen, Josef Ruprecht, Heinrich Gillessen und Josef Quernheim das Gerüst einer Mannschaft, die in der damals höchsten deutschen Spielklasse – Niederrheinliga und später Mittelrheinliga – eine gute Rolle spielte.

Der Verein hatte inzwischen dem Zuge der Zeit folgend von seiner alten Tradition täglicher Schachtreffs Abstand nehmen müssen und eine Odyssee durch die Aachener Gastronomie angetreten. In den Gaststätten Im Alten Zollhaus, Reichshof, Wartburg, Wiener Wald, Heppion – um nur einige zu nennen – fand er jeweils eine nur vorübergehende Bleibe. Die Zeiten der alten ASV–Herrlichkeit, in denen das beste Lokal gerade gut genug war, gehörten endgültig der Vergangenheit an. Zu den Mitgliedern zählte übrigens auch der stadtbekannte „Mandele Leo“, mit bürgerlichem Namen Leo Flach. Er besuchte regelmäßig die wöchentlichen Vereinsabende, manchmal „in Zivil“, meistens jedoch in seiner legendären blütenweißen Tracht mit dem Mandelkörbchen unter dem Arm. Er war ein passionierter Schachspieler und verfügte über eine passable Spielstärke.

Aufstieg in die Bundesliga

Ende der 60er Jahre war in Aachen eine neue Generation von starken Schachspielern herangewachsen, die sich dem ASV anschlossen, weil sie hier am ehesten Gelegenheit hatten, mit ebenbürtigen Gegnern ihre Kräfte zu messen. Dazu zählten Matthias Peters, vielfacher Sieger der Aachener Stadtmeisterschaft, Jannis Fappas, bekannt auch als langjähriger Herausgeber der Schachspalte in der AZ, der ungarische Schachprofessor György Bonta, Heinz Schils, die Gebrüder Friedhelm und Helmut Freise, Erich Carl, Klaus Förster und Ernst Cremer. Als sich dann auch noch der Eupener Helmut Schumacher, der bereits eine belgische Einzelmeisterschaft für sich entscheiden konnte, der starke Holländer Robert Hartoch und nicht zuletzt der spanische Meisterspieler Dr. Ricardo Calvo, den es beruflich nach Aachen verschlagen hatte, dem ASV anschlossen, war eine Mannschaft zusammen gekommen, die niemanden zu fürchten brauchte.

In der Saison 71/72 gewann die Mannschaft in der Oberliga Mittelrhein ein Spiel nach dem anderen. Um jedoch Meister zu werden und sich damit für die Teilnahme an der Vorrunde der Deutschen Meisterschaft zu qualifizieren, musste das ebenfalls noch unbesiegte Team der SG Porz geschlagen werden, ein schier aussichtsloses Unterfangen; denn die Porzer hatten schon mehrfach die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft gewonnen und galten als eine der stärksten Mannschaften Deutschlands. Vor dem Zusammentreffen der beiden Teams hatten die Porzer beantragt, die Partie am Spitzenbrett nachzuholen, da ihr Spitzenspieler Robert Hübner nicht abkömmlich sei. Solche Ausnahmeregelungen waren seinerzeit durchaus üblich, ebenso wie es möglich war, einen Spieler nachzumelden und ihn an einem beliebigen Brett einzusetzen. Von dieser Regelung machte nun wiederum der ASV Gebrauch; denn Robert Hartoch hatte angeboten, für diesen Entscheidungskampf einen gewissen Jan Timman mitzubringen, den er für nahezu unschlagbar hielt. Der damals 19–jährige Jan Timman hatte schon etliche Großmeister überzeugend besiegt; dass er in seiner Glanzzeit zum zweitbesten Schachspieler der Welt avancieren würde und oft genug auch sich als ebenbürtiger Gegner von Schachgrößen wie Karpow und Kasparov erwies, konnte damals allerdings noch niemand erahnen.

Und so lief für den ASV folgende Mannschaft auf: Dr. Ricardo Calvo, Robert Hartoch, Jan Timman, Helmut Freise, Helmut Schumacher, Friedhelm Freise, Erich Carl, György Bonta. Der Wettkampf, der in der Gaststätte „Im Alten Zollhaus“ stattfand, verlief für den ASV äußerst günstig. Jan Timman hatte seinen Gegner schon nach kurzer Zeit überspielt, und der war kein geringerer als Altmeister Dr. Paul Tröger, dem sein Gegner zwar namentlich bekannt war, der jedoch von dessen Spielstärke sichtlich überrascht wurde. Helmut Freise gewann gegen Ellrich, und die Partien an den übrigen 5 Brettern endeten remis. Damit war der Kampf für den ASV gewonnen; die vertagte Partie Hübner gegen Dr. Calvo hatte keine Bedeutung mehr. Der ASV wurde Mittelrheinmeister und war damit für die Teilnahme an der Deutschen Meisterschaft qualifiziert.

AufstiegBundesliga1974
Von l.: Helmut Schumacher, Klaus Förster, Erich Carl, György Bonta,
Matthias Peters, Dr. Ricardo Calvo, Helmut Freise, Friedhelm Freise

Aufsteiger in die Bundesliga, die 1974 gegründet wurde.

Diese Deutsche Meisterschaft wurde in vier Vorrunden–Turnieren mit jeweils 4 Mannschaften ausgetragen; die vier Sieger ermittelten dann in einem Endrunden–Turnier den Deutschen Meister. Das ASV–Team überstand die Vorrunde nicht. Mit einer unerwarteten und etwas unglücklichen Auftaktniederlage gegen den gastgebenden SK Pirmasens waren bereits alle Chancen vergeben; Motivation und Konzentration fehlten in den Begegnungen mit dem Hannovrischen SK und der Hamburger SG.

In den beiden folgenden Jahren konnte die Mannschaft das Kunststück, gegen die SG Porz zu gewinnen, zwar nicht wiederholen, sie belegte aber jeweils unangefochten den 2. Platz und qualifizierte sich dadurch für die Bundesliga, die in der Saison 74/75 ihren Spielbetrieb aufnahm.

Die Krise und der Wiederaufstieg

Über zwei Jahre konnte sich das ASV–Oktett problemlos in der höchsten deutschen Spielklasse halten, obwohl Helmut Schumacher und Robert Hartoch wegen einer neuen Ausländerregel nicht mehr eingesetzt werden konnten. Auch war die Aachener Zeit von Dr. Ricardo Calvo abgelaufen, er wurde am Spitzenbrett jedoch gleichwertig vertreten von Dr. Dr. Uwe Jahr, der sich u.a. als zweimaliger Vizemeister der Deutschen Pokaleinzelmeisterschaft einen guten Ruf erworben hatte. Im dritten Jahr konnte die Mannschaft den Abstieg nicht vermeiden; mehrere Spieler hatten Aachen aus beruflichen Gründen verlassen und konnten nicht nachhaltig ersetzt werden. Auch der Verfasser dieser Zeilen, der damals 1. Vorsitzender war und dem es gelungen war, die stärksten Spieler aus dem Aachener Raum in einer Mannschaft zu bündeln, musste berufsbedingt von Aachen Abschied nehmen. Der Verein geriet in eine Krise, die sich nicht nur in einem Niedergang der Spielstärke, sondern auch in einer rückläufigen Mitgliederzahl manifestierte.

Daß der Aachener Schachverein diese Talwanderung letztlich doch überlebte – die 1. und zeitweilig einzige Mannschaft stieg bis in die Bezirksklasse ab – ist vor allem dem damaligen 1. Vorsitzenden und heutigen Ehrenvorsitzenden Heiner Altmann zu verdanken, ohne dessen Einsatz und Beharrlichkeit der Verein wohl nicht überlebt hätte. Auch György Bonta ist der Verein zu Dank verpflichtet, weil er als einziger namhafter Spieler dem ASV nicht den Rücken kehrte und im Verein eine gehobene Schachkultur aufrechterhielt. Die Architekten des Wiederaufstiegs aber waren Willi Joisten, durch dessen Umsicht und organisatorisches Talent zahlreiche neue Mitglieder gewonnen und neue Mannschaften zusammengestellt wurden, und Frank Dischinger, der viele Jugendliche und Studenten dem Verein zuführte und der sich als vorzüglicher Organisator von Turnieren auszeichnete. Nicht zu vergessen ist auch Professor Scherer, der Heiner Altmann als Vorsitzender nachfolgte und der sich vor allem um das in dieser Blütezeit des Vereins jährlich veranstaltete Wilhelm Krantz–Gedächtnisturnier Verdienste erwarb. Als er Aachen berufsbedingt verlassen musste, wurde Ralph Rache sein Nachfolger.

In den 80er und 90er Jahren kam es zu einem ausgeprägten Schachboom, verursacht durch die in dieser Epoche aufkommenden Schachcomputer, die viele junge Menschen an das Schachspiel heranführten und die darüber hinaus zu einer Verbesserung des allgemeinen Spielniveaus führten. Die Schachabende des ASV, die in den Gaststätten „Haus des Deutschen Ostens“ und „Katakomben“ stattfanden, wurden lebhafter als je zuvor und danach besucht. Sechs Mannschaften nahmen an den Meisterschaften teil und feierten einen Aufstieg nach dem anderen.

In der 1. Mannschaft fanden sich alle Schachgrößen aus dem Aachener Raum zusammen, allen voran Thomas Koch, der schon 1988 und 1989 die Deutsche B–Jugend–Meisterschaft gewonnen hatte, der 1990 an der U18-Weltmeisterschaft in Singapur teilnahm und der im Jahr 2000 die begehrte Trophäe „Deutscher Meister im Blitzschach“ eroberte. Ferner gelang es mit dem erfahrenen Fide-Meister und Schachbuch-Autor Vladimir Budde einen schachbegeisterten Ex-Bundesligaspieler für den Aachener Schachverein zu gewinnen. Mit Matthias Röder, Norbert Coenen und Hans-Hubert Sonntag kamen drei „Internationale Meister“ zu der Mannschaft und auch die Namen Martin Ahn, Klaus Petzold, Nikos Begnis, Gerald Richter und Lothar Oepen sind in der Schachwelt über Aachen hinaus bekannt. Dieser Truppe gelang es zweimal, 1994 und 2000, in die 2. Bundesliga aufzusteigen.

Vorne v.l..: Vladimir Budde, Matthias Röder, Martin Ahn, Gerald Richter. H.v.l.: Norbert Coenen, Klaus Petzold, Thomas Koch, Lothar Oepen, Nikos Begnis
Vorne v.l..: Vladimir Budde, Matthias Röder, Martin Ahn, Gerald Richter.
H.v.l.: Norbert Coenen, Klaus Petzold, Thomas Koch, Lothar Oepen, Nikos Begnis

Aufsteiger in die 2. Bundesliga West 1994.

Besonders gute Erinnerungen verbinden uns mit der Saison 93/94, in der die Mannschaft als Aufsteiger in der NRW-Liga spielte und sich zum Ziel gesetzt hatte, den sofortigen Abstieg zu vermeiden. Der erste Kampf gegen den Meisterschaftsfavoriten Enger–Spenge ging dann auch erwartungsgemäß verloren, aber in den 7 folgenden Begegnungen wurden ausschließlich Siege verbucht. Da Enger-Spenge überraschend ein Match verloren hatte, musste der letzte Spieltag die Entscheidung bringen. Beide Teams gewannen ihre Kämpfe, aber das ASV-Team mit Matthias Röder, Thomas Koch, Norbert Coenen, Vladimir Budde, Klaus Petzold, Niko Begnis, Martin Ahn und Gerald Richter hatte aufgrund des besseren „Torverhältnisses“ die Nase vorn und sich damit für die 2. Bundesliga qualifiziert. Bemerkenswert ist, dass während der gesamten Saison nur ein einziges Mal ein Ergänzungsspieler eingesetzt werden musste.

Gegen die mit Meisterspielern aus osteuropäischen Staaten gespickte Konkurrenz konnte sich die Mannschaft in der 2. Bundesliga nicht behaupten. Ebenso wie nach dem zweiten Aufstieg im Jahre 2000 musste sie bereits nach einem Jahr die Klasse wieder verlassen.

Die 2. Mannschaft schaffte es bis zur Oberliga Mittelrhein, wo sie sich über mehrere Jahre halten konnte. Und die unteren Mannschaften waren auf lokaler Ebene für manche 1. Mannschaft anderer Vereine eine Nummer zu groß.

Der ASV heute

Die allgemeine Schachbegeisterung der beiden vergangenen Jahrzehnte hat sich fühlbar abgekühlt. Vielleicht hat sie sich aber auch nur ins Internet verlagert, wo sich heute ein Spielpartner jedweder Spielstärke zu jeder Tages- und Nachtzeit finden lässt. Die Schachjünger brauchen nicht mehr auf den nächsten Spielabend oder auf das nächste Turnier zu warten, um ihre Schachkräfte mit anderen zu messen.

Für die Schachvereine ist diese Entwicklung abträglich. Und so hat auch der ASV mit seinen gut 60 Mitgliedern ein ruhigeres, aber durchaus solides Fahrwasser betreten. Er ist unbestritten die Nummer Eins im Aachener Raum; die 1. Mannschaft spielt in der NRW–Oberliga, der dritthöchsten von insgesamt 12 Spielklassen; die 2. Mannschaft ist in der Mittelrheinliga, die 3. Mannschaft in der Verbandsklasse und die 4. Mannschaft in der Bezirksklasse vertreten.
1. Vorsitzender ist Thomas Titgemeyer, der sich vor allen anderen auf die Unterstützung des unverändert agilen Willi Joisten und von Michael Winand, der sich nicht nur als Turnierleiter verdient macht, verlassen kann.

Der Verein veranstaltet regelmäßig Turniere, zu denen grundsätzlich auch Mitglieder anderer Vereine willkommen sind. Im ehemaligen ASEAG – Depot an der Talstraße hat der Verein seit mehreren Jahren eine nicht unbedingt komfortable, aber für den Schachbetrieb gut geeignete Heimstätte gefunden.

Stand: 2006